Der Alchimist
machte Paulo Coelho weltbekannt. Dies ist eigentlich eher überraschend.
Einerseits ist es erstaunlich, dass ein mit so einfachen Worten und
Sätzen geschriebenes Buch zum Weltbestseller wird. Andererseits sind
durchaus Parallelen wie zum Beispiel zum Roman
Sophies Welt (1993) von
Jostein Gaarder
erkennbar. Letzterer Roman wurde ebenfalls zu einem Weltbestseller, mit
einer ähnlich einfachen Sprache und vor allem mit dem Streifzug durch
die Geschichte der Philosophie.
Der Alchimist ist zwar kein Philosophielehrbuch wie
Sophies Welt,
doch in Coelhos Roman wird eine Lebensphilosophie durch die Figur von
Santiago, einem andalusischen Hirten, vorgelebt. Hier soll nicht näher
auf diese Philosophie eingegangen werden, denn gerade die Entdeckung
und das gelesene Erlebnis, wie die Philosophie zu verstehen ist,
macht das Buch aus.
Die Wahl des Berufs der Hauptfigur, hat eine
verblüffende Wirkung in Bezug auf die Sprache. Die sehr einfach
gehaltene Sprache erfährt so fast eine gewisse Logik und wirkt dadurch
nicht wie ein Kinderbuch.
Der Alchimist ist aber nicht ganz
frei von intellektuellen Ansprüchen, wie sie der Roman mit der
einfachen Sprache und dem Hirtenberuf vorgibt. Einerseits regt das Buch
gerade durch den Lebensweg von Santiago stark zum eigenem Nachdenken
zum eigenem Leben an. Andererseits wird dezent einen Kulturkonflikt
zwischen dem Christentum und dem Islam thematisiert, ohne dass dieses
Thema je in dem Mittelpunkt rückt. Doch gerade diese Beiläufigkeit
erhält eine gewisse Bedeutung insofern, als dass durch das Einleben des
Hirten im arabischem Raum - und das obwohl er durchaus nicht ganz frei
von Vorurteilen war - die Toleranz zu anderen Menschen aus anderen
Kulturen vorlebt. Es mag gut sein, dass dieser 1988 erschienene Roman
ebenfalls durch diesen Aspekt eine gewisse Brisanz und Verbreitung
gewonnen hat.
Mir fielen ferner biblische Andeutungen auf.
Santiago hat Träume, denen er folgt; während seinem Lebensweg wird er
durch verschiedene Begegnungen auf eine Art und Weise weiser, er erlebt
Siege und Niederlagen. Zudem ist ja gerade der Hirtenberuf ein Beruf,
der in der christlichen Theologie eine wichtige Rolle spielt, und nicht
zuletzt kann man durchaus mit dem Ende ein gewisses christliches Symbol
erkennen.
Der Alchimist ist ein sehr angenehm und schön zu
lesender Roman, der zur Bettlektüre eignet, doch ich möchte davor
warnen, den Roman allzu leicht und schnell zu lesen, denn der Roman
lässt einen unheimlich grossen Interpretationsspielraum zu, so dass man
praktisch beliebig philosophieren kann. Wer sich die Zeit zum
Nachdenken nimmt, der erhält eine
grossartige Inspirationsquelle zum Nachdenken über sein eigenes Leben.
Wikipedia.de kritisiert, dass die Bücher von Coelho unter anderem "
zu simpel oder esoterische Selbsthilfe-Literatur"
seien. Selbstverständlich bin ich immer für jede Kritik an Kunst zu
haben, doch meiner Meinung nach geht diese Einschätzung zu weit, in dem
offenbar im Vorneherein die einfache Sprache und der grosse
Interpretationsspielraum abgelehnt wird. Kritisch dagegen möchte ich
sein, wenn Kritiker die interkulturelle Beziehungen hervorheben und
loben. Wie ich oben schon erwähnte, hat das Buch für mich hierfür zwar
ebenfalls ein Lob erhalten, doch ich möchte nicht so weit gehen, zu
sagen, dass das Buch vor allem einen solchen Wert erhalten hat, wie
viele Kritiker betonen. Das hängt unter anderem damit zusammen,
dass christlich geprägte Symbole relativ stark im Vordergrund
stehen, jedenfalls haben sie ein stärkeres Gewicht als die islamischen
erhalten. Zudem werden gewisse Dinge aus dem Islam meines Erachtens
doch stark vereinfacht.
Der Alchimist weist gewisse
autobiografische Züge Coelhos auf. Coelho wurde 1947 in Rio de Janeiro
geboren. Von seinen Eltern in die Jesuitenschule geschickt, fühlt er
sich bald stark von der Religion eingeengt und will schon früh
Schriftsteller werden. Diesen Weg schlägt er zunächst nicht ein; seine
Eltern versuchen ihn gar mit Hilfe von dreimaligen Einweisungen in die
psychriatrische Klinik und dort applizierten Elektroschocks von seinem
Willen, Schriftsteller zu werden, abzubringen. 1970 bricht er sein
Studium in Rechtswissenschaften ab, 1974 kommt er wegen seiner
politischen Meinung für kurze Zeit ins Gefängnis, wo er nur dadurch aus
dem Gefängnis kommt, in dem er darauf hinweist, dass er dreimal in
einer psychriatrischen Klinik gewesen sei. 1986 begibt er sich auf die
Pilgerreise nach Spanien Santiago de Compostela. Ein Jahr später, 1987, schreibt er sein erstes Buch
Auf dem Jakobsweg. 1988 schreibt er
Der Alchimist. Dem Roman war zunächst kein Erfolg beschieden, doch nach einem Verlagswechsel erlangt Coelho sukzessive Weltruhm.
Der Alchimist wurde in 57 Sprachen übersetzt.
Coelho erhielt mehrere Auszeichnungen für diesen Roman, unter anderem 2001 den prestigeträchtigen Kulturpreis BAMBI.